„Hm“ oder Wie ich lernte, den modernen Museumsbesucher zu hassen

© Petra Schmidt / pixelio.de

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Dirk Henel, ein guter Freund, scharfer Beobachter und selbst Kunstschaffender, ist begeisterter Museumsbesucher. Doch was er am 26.3.16 erlebte, veranlasste ihn, diesen Artikel auf Facebook zu posten. Ich habe seine Erlaubnis, diesen Artikel hier in meinem L.I.S.A. BLOG zu veröffentlichen. Hier geht es schließlich auch um Kommunikation.

 

„Hm“ oder Wie ich lernte, den modernen Museumsbesucher zu hassen

Anfang der 90er Jahre stöhnt der Bankkaufmann „Hm..?“ beim Besuch im Modernen-Kunst-Museum in einer Episode vom Komiker-Duo Badesalz. „Hm“ hieß so viel wie: „Was will uns das Kunstwerk sagen?“ oder „So ein einfacher Quatsch soll Kunst sein?“ Besser und ehrlicher wäre: „Ich finde keinen Bezug dazu oder ich mache mir erst gar nicht die Mühe, die Aussage des Künstlers in seinem Werk verstehen zu wollen.“

 

Karfreitag. Karlsruhe im ZKM. Das Handy hinter mir klingelt, während ich versuche das Script zu einem Exponat der Ausstellung „New Sensorium“ und „Global Control and Censorship“ über Köpfe hinweg einigermaßen zu erahnen. Enthusiastisch schildert der Besucher hinter mir die Gaumenfreude seines gerade eingenommenen Mittagessens in der Museums-Lounge in sein Smartphone hinein. Aufgetakelte Disco-Ladies schubsen sich währenddessen an mir vorbei und verkünden in Raumlautstärke, dass das ja hier „… geschmacklos sei und überhaupt – was soll der Quatsch …“ Hastig huscht die nächste Gruppe in das nächste Ausstellungskabinett, vorbei am Script mit schnellem Blick auf die Leinwand. „Geht an mich / geht nicht an mich?“

 

Dann kommt es wieder – das gute alte „Hm“ von Gerd Knebel und Henni Nachtsheim. „Hm“ heißt heute soviel wie „Was mache ich überhaupt hier?“ Warum soll ich mir die Mühe machen zum Exponat die Einführung zu lesen, dauert eh alles viel zu lang. Wäre ich besser ins Kino nebenan gegangen und hätte mir den neuen Bond-Film angetan. Action pur und keine Fragen, mit denen ich mich auseinandersetzen muss.

 

Ja, lieber Museumsbesucher. „Herzlich Willkommen“ im 21. Jahrhundert! Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, wir leben inzwischen schon in der Epoche nach der zweiten Moderne. Hä, Moderne? Ja, richtig. Die abbildende Kunst ist seit dem 19. Jh. passé. „… die abbildende Funktion ist sicher die primäre Funktion von Kunst überhaupt. Bis ins 19. Jahrhundert war sie das einzige Medium, um in bildlicher Form den Wissens- und Erkenntnisschatz der Menschheit festzuhalten. Dann, in der Folge neuer technischer Abbildungsmedien, begann sie, ihre Orientierung an der Erscheinungswelt aufzugeben und gegen die Abbildung einer Erfahrungswelt auszutauschen. In ihren Äußerungsformen zeigt sich das zu einem historischen Zeitpunkt Wahrgenommene und auch seine Wahrnehmungsweise …“

Exponate lassen sich nicht einfach nur noch mal schnell konsumieren wie ein Burger bei McDoof. Man muss schon ein bisschen Mühe und Anstrengung mitbringen für das Kunstwerk. Anstrengung, die übrigens auch der Anstrengung des Künstlers gerecht wird. Denn der hat nicht mal schnell einen Hirnfurz mit Fingerfarbe an Kindergartenfenstern visualisiert, sondern u.U. wochen- und monatelang an der Umsetzung einer Idee, Fragestellung, Kritik an Staat und Gesellschaft etc. gearbeitet und vorher seine Hausaufgaben gemacht. Nebenbei macht er noch sichtbar, was sonst verdeckt erscheint.

 

Kunst ist längst intellektuell und die Werke sind schon lange nicht mehr ohne Beiwerk im Vorbeigehen zu konsumieren. Wir leben in einer komplexen Welt, die jeden Tag komplexer, komprimierter und informeller wird. Folglich wird auch der Gehalt eines modernen Exponates höchst komplex und vielschichtig und bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit, um verstanden zu werden.

 

Bitte bitte, alle, die ihr den falschen Event für euren Familienausflug gewählt habt, die Restauranttür mit dem Museumseingang verwechselt habt, macht euch bitte die Mühe, der Kunst im modernen Kunstmuseum gerecht zu werden, schaltet eure Smartphones auf leise, knebelt eure Rotzlöffel, labert nicht kreuz und quer direkt am Exponat und plant dabei lautstark euren Firmen-Event demnächst hier … und wie Dieter Nuhr immer so schön sagt: „Wenn man mal nichts weiß, einfach mal die Fresse halten!“

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